Konzept der Camphill Dorfgemeinschaft Sellen

Ziel

Der Verein Camphill Dorfgemeinschaft Sellen wurde im Oktober 1989 von Eltern und Camphill-Mitarbeitern für Seelenpflege-bedürftige (geistig behinderte) erwachsene Menschen gegründet und der Betrieb im Februar 1992 aufgenommen. Ziel war es, eine überschaubare Lebensgemeinschaft zu gestalten, die aus ihren sozialen Gesetzmäßigkeiten ein solches Miteinander hervorruft, dass der Mensch seine eigene Persönlichkeit in höchstmöglicher Freiheit, jedoch mit Rücksicht auf andere ohne zu vereinsamen, entwickeln kann.

 

Grundlage

Grundlage zur Erfüllung dieser Aufgaben ist die Anthroposophie Rudolf Steiners mit den daraus entwickelten Impulsen für die Gemeinschaftsbildung, für Wissenschaft, Religion, Kunst, Medizin, Landwirtschaft, Pädagogik und Heilpädagogik.

 

Camphill

Um diese Grundlagen so weit wie möglich zur Entfaltung kommen zu lassen, für den Menschen im Allgemeinen sowie besonders für den Menschen mit Einschränkungen, setzte der Arzt und Heilpädagoge Karl König den Sozialimpuls in Schul- und Dorfgemeinschaften um. Seit 1939 wurden in vielen Ländern der Welt Camphill-Gemeinschaften gegründet, seit 1958 ebenfalls in Deutschland.

 

Camphill Sellen

Die örtlichen Gegebenheiten am Rande der Stadt Steinfurt-Burgsteinfurt boten ideale Voraussetzungen für den Aufbau einer Camphill Dorfgemeinschaft. Im Außenbereich konnte sich der Schwerpunkt des Wohnens und des Arbeitens am Land durch den Erwerb von zwei benachbarten Hofanlagen verwirklichen. Durch zwei Wohnhäuser, einen Laden und ein Werkstattgebäude gelang das Hineinsiedeln in die Vorstadt von Burgsteinfurt.
In den zehn Jahren des Bestehens sind 7 Hausgemeinschaften für 51 Betreute (stationär) mit guter Integration in die Land- und Stadtgesellschaft entstanden.
 

Wohnen

In den Häusern leben 4 - 9 Betreute mit Ihren Hausverantwortlichen und deren Familien sowie weiteren Mitarbeitern, Praktikanten und Freiwillige zusammen. Sie bilden jeweils eine Hausgemeinschaft, die sich selbst versorgt, familienorientiert gestaltet ist und auf gegenseitigem Geben und Nehmen beruht. Sie vermittelt Vertrautheit, Geborgenheit und Sicherheit durch wiederkehrende Abläufe im Tages-, Wochen- und Jaheslauf und die Beständigkeit der menschlichen Beziehungen. Auf dieser Art von Gemeinschaftsgrundlage ensteht Raum für die individuelle Entfaltung jedes einzelnen.

 

Arbeit und Handel

Die WfbM (Werkstatt für behinderte Menschen) bietet im Landbau die Arbeitsbereiche Landwirtschaft mit Käserei, Gärtnerei und Landschaftspflege, im Werkstattgebäude der Vorstadt befinden sich Bäckerei, Kerzen- und Textilwerkstatt, die Häuser bieten Tätigkeiten in der Hauswirtschaft. Geeignete Arbeitsplätze lassen die Behinderung zurücktreten, tragen durch Produktivität sowie sinnvolle und überschaubare Tätigkeiten zum Selbstwerterleben bei und helfen das besondere Schicksal zu meistern.
Die Werkstattprodukte werden nicht nur für den Eigenverbrauch hergestellt. Jedes Produkt hat eine marktgerechte Qualität, die über das Camphill-Lädchen, über Verträge und Marktstände an den Kunden gelangen. Jedes Mitglied der Dorfgemeinschaft empfindet sich über das Handelselement mit der allgemeinen Gesellschaft verbunden.
 

Kunst und Religion

Der Erhalt des in der Schulzeit Erlernten wird nicht nur im allgemeinen Leben geübt, sondern gezielt in wöchentlichen Weiterbildungskursen an den Abenden.
In künstlerischen Aktivitäten wie Chorgesang, Instrumentalmusik, Malen, Sprachgestaltung, Eurythmie, Rhythmik, Schauspiel, Volkstanz und anderen werden individuelle Fähigkeiten erkannt und weiter entwickelt. Die künstlerischen Bemühungen der Dorfgemeinschaft werden in den öffentlichen Veranstaltungen am Ort durch eingeladene Künstler bereichert. Konzerte und Vorträge beziehen die Bevölkerung der Umgebung ein. Außerdem werden auswärtige Veranstaltungen besucht.
Die Pflege des christlich religiösen Lebens ist eine wesentliche Stütze des Gemeinschaftslebens in der Dorfgemeinschaft. Dazu gehören die Evanglienarbeit zu den Jahresfesten, die Sonntagsfeiern und der wöchentliche Bibelabend. Für jeden ist der Besuch des Gottesdienstes seiner Konfession oder Glaubensgemeinschaft in Steinfurt möglich.
 

Mitwirkung

Einmal monatlich findet eine Dorfversammlung sämtlicher Mitglieder der Dorfgemeinschaft statt. So ist jedem die Möglichkeit gegeben, an der Gestaltung des Lebens aktiv mitzuwirken. Als Mitwirkungsorgan entsteht in diesem Jahr aus dem bestehenden Werkstattrat und dem Heimbeirat der Dorfbeirat. Die Zusammenarbeit mit den Eltern und rechtlichen Betreuern wird durch die zweimal im Jahr stattfindende große Dorfversammlung und eine jährliche Elterntagung belebt. Die Eltern sind zu weiteren Veranstaltungen eingeladen und bringen sich oft helfend in das Leben unserer Gemeinschaft ein.

 

Zukunft

Durch die Tatsache, dass immer wieder Betroffene um Aufnahme in unserer Dorfgemeinschaft anfragen, wird es in den nächsten Jahren notwendig sein, die noch fehlenden Wohnheimplätze einzurichten. Die Bedarfsgenehmigung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe weist gemäß der Antragsstellung  vor ca. neun Jahren insgesamt 60 Wohnheimplätze für die Dorfgemeinschaft Sellen aus. Außerdem wird an einem Konzept gearbeitet, wie für die älter werdenden Betreuten neue ihnen gemäße Wohn- und Arbeitsplätze gestaltet werden können.

Steinfurt, April 2002